Der geheime Zirkel I Gemmas Visionen

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Ein Mädchen, welches endlich leben möchte …

Originaltitel: A Great and Terrible Beauty

Autorin: Libba Bray

Seitenanzahl: 480

Altersempfehlung: ab 14 Jahren

In meiner Laufbahn als begeisterte Leserin, habe ich natürlich gewisse Tendenzen für bestimmte Arten von Jugendbüchern entwickelt, ganz besonders aber für Internatsbücher, von denen ich bis jetzt noch nie enttäuscht worden bin. „Der Geheime Zirkel – Gemmas Visionen“ ist eine ebensolche Internatsgeschichte, was zugegebenermaßen auch der Grund war, aus welchem ich diesen hübschen Schmöker gelesen habe. Jetzt fragt sich nur, ob er meinen Vorstellungen auch gerecht geworden ist …

Kurz zum Inhalt: Gemma Doyle wünscht sich nichts lieber als endlich aus Indien zu entkommen und in ihre Heimat England zu ziehen, doch ihre Mutter ist strikt dagegen, ganz zum Leidwesen Gemmas. Nach einem schrecklichen Vorfall an Gemmas 16. Geburtstag jedoch, wird sie schließlich auf die Spence Academy im Herzen Londons geschickt, um dort zu erlernen, was sich für eine feine, adelige Dame im England 1895 schickt, damit sie auch einen adretten, reichen Mann findet, welchen sie umsorgen und Kinder schenken kann. Ein Traum, welcher jeder Debütantin auferlegt wird, ob sie will oder nicht. Aber Gemma denkt gar nicht dran sich an die strikten Regeln des Mädcheninternats zu halten und gründet nach kurzer Zeit mit ihren neugewonnenen Freundinnen einen geheimen, magischen Zirkel. Sie gehen Magie und skandalösen Geheimnissen auf den Grund, doch niemals hätte Gemma gedacht, ausgerechnet in einem Tagebuch und einer sagenumwobenen Höhle, Dinge über sich selbst und ihre Mutter zu erfahren, die sie alles und jeden infrage stellen lassen …

Pro: Der Roman verbindet äußerst geschickt Geschichte mit Fantasie. Man liest also nicht von der heutigen modernen Welt, sondern schlüpft in die Rolle eines jungen Mädchens im 19. Jahrhundert Londons und erlebt somit auch hautnah, welche Ungerechtigkeiten die Frauen damals über sich ergehen haben lassen und welcher Unsinn ihnen eingetrichtert worden ist. Wer hübsch ist und Geld hat ist gesegnet, unattraktive Mädchen und einfache Verhältnisse werden von den adeligen Herren natürlich gemieden. Oft denkt man sich beim Lesen: „Und das lasst ihr euch gefallen? Eure Träume und Wünsche aufzugeben, um eure ganze Existenz nur dem Mann zu widmen?“ Aber nicht nur die Situation der Debütantinnen ist äußerst interessant, auch kleine Bemerkungen über von uns längst vergessene Prinzen und Schauspieler machen alles sehr authentisch und zeigen, dass die Autorin sich mit der damaligen Lage ausführlich auseinandergesetzt hat.
Ebenfalls passend ist der Schreibstil: Keine Umgangssprache, sondern an die Mundart des damaligen Londons angepasst und somit sehr malerisch und verträumt. Es ist aber keineswegs langweilig formuliert, sondern wird ab einem bestimmten Punkt sogar recht packend und weckt in einem die Neugierde und Lust auf mehr, weshalb man grundsätzlich gerne weiterliest.
Aber am allerbesten hat mir die Ausarbeitung der Charaktere gefallen: Jede Person hat ihre Ecken und Kanten, hat eine Hintergrundgeschichte und einen Herzenswunsch, der sie stets weitertreibt: Die eine ist schön, aber nicht sehr rücksichtsvoll, die andere ist klug, aber wird von den anderen nicht richtig wahrgenommen und wieder eine andere ist mutig, aber zugleich auch gerissen und machtbesessen. Niemand ist einfach nur böse und hochnäsig, aber auch niemand nur loyal und friedliebend. Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß, weshalb sogar aus anfänglichen Feindinnen schnell Freundinnen werden, so wie es im wahren Leben auch oft der Fall ist, da man die andere Person trotz ihrer Fehler und Eigenheiten ins Herz schließt.
Und ebenfalls lobenswert: Die Liebesgeschichte. Diese ist in diesem ersten von drei Bänden noch kaum vorhanden, was mir persönlich sehr zusagt.  Es entwickelt sich Schritt für Schritt und überfällt den Leser nicht einfach wie ein lauerndes Raubtier von hinten, was übrigens auch hilft sich auf die fantastischen Einflüsse im Buch und auf die prinzipiell spannende Handlung zu konzentrieren, da man sich nicht dauernd mit penetrantem Liebesgehabe konfrontiert sieht.

Contra: Genau wie die Charaktere in diesem Roman, hat die Geschichte aber nicht nur positive Aspekte.
Nehmen wir die Protagonistin als Beispiel: Zwar wirkt sie sehr glaubwürdig, aber trotzdem ist sie die klassische Auserwählte, wie wir sie nur allzu oft gelesen haben. Mit der Macht die Welt zu retten, aber auch ins Verderben zu stürzen unwissend auf die Welt gekommen, erfährt sie ganz unerwartet an ihrem 16. Geburtstag von ihrer seltenen Gabe. Woher kennen wir das? Richtig, aus fast jedem zweite Fantasyroman.
Mein größtes Problem, aus welchen viele weitere resultieren, ist der Anfang. Es ist zwar sicherlich von Vorteil, dass wir uns nicht zu lange mit Gemmas 16. Geburtstag aufhalten müssen, aber es ist einfach viel zu chaotisch und desorganisiert erzählt. Ich persönlich habe mich nämlich in einer wichtigen Schlüsselszene ganz am Anfang des Romans kaum ausgekannt und bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob ich auch alles richtig verstanden habe. Folglich war es zu Beginn recht schwierig für mich in den Roman reinzukommen und Spaß am Lesen zu finden, auch wenn die Zweifel bei mir mit der Zeit glücklicherweise immer mehr nachgelassen haben.
Ganz generell sind spannende Augenblicke, die ein wenig Würze in den Plot bringen sollen, nur selten verständlich beschrieben und verwirren anstatt einen mitzureißen, was nicht gerade vorteilhaft für die paar unvorhergesehenen Wendungen und Offenbarungen in der Geschichte ist. Wirklich schade, wenn man mich fragt, denn wenn man wirklich voll und ganz in die Geschichte eintauchen könnte, hätten die „Plot-Twists“ sicher Potenzial einen wahrlich zu überraschen.

Fazit: „Der Geheime Zirkel – Gemmas Visionen“ bekommt 3 von 5 Sternen, da das wirkliche Abtauchen in Gemmas Welt  aufgrund teilweise verbesserungswürdigen Schreibstils und Startschwierigkeiten mehr schlecht als recht möglich, die Idee aber trotz allem recht spannend ist und die Charaktere sehr glaubwürdig sind. Also: Für Freunde von historischen Romanen und dem alten England sicher eine Lektüre, in die man gerne einmal einen Blick riskieren kann.

Selin, 14 Jahre

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